20.06.2008, 14:45 Uhr | Financial Times Deutschland
Mediziner beurteilen die geförderte Altersteilzeit kritisch (Foto: imago)Macht Arbeiten bis zur gesetzlichen Rente körperlich kaputt? Arbeitsmediziner meinen: nein - zumindest in den meisten Berufen. Stattdessen koste die Altersteilzeit unnötig viel Geld. Arbeitsmediziner beurteilen die geförderte Altersteilzeit kritisch. "Die Frage ist, ob Gesellschaft und Wirtschaft sich diesen früheren Ausstieg angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels noch leisten können", sagte der Leiter des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin der Uni Mainz, Stephan Letzel, der Financial Times Deutschland.
Kranker Arbeitnehmer kostet 250 bis 500 Euro pro Tag
Das gelte besonders für hochqualifizierte Arbeitnehmer. Vor allem in den Großbetrieben habe sich viel durch Arbeitsschutz und gesundheitliche Prävention getan. "Die Industrie rechnet im Durchschnitt mit 250 bis 500 Euro Ausfall pro Tag, wenn ein Arbeitnehmer krank ist." Auch Peter Egler, Vorstandsmitglied beim Verband der Betriebs- und Werksärzte, befürwortet den Ausstieg nur als letztes Mittel, "wenn eine Leistungsminderung arbeitsmedizinisch nachgewiesen werden kann".
Koalition im Clinch wegen Altersteilzeit
In der Koalition wird derzeit heftig über die staatlich geförderte Altersteilzeit gestritten. Am Mittwoch will die IG Metall in Baden-Württemberg in fünfter Runde mit dem Arbeitgeberverband über den Anspruch aller Arbeitnehmer auf finanzielle Förderung verhandeln.
Die Mediziner argumentieren, dass es zwar weiterhin Berufe gebe, die körperlich schwer belastend sind, etwa Gerüstbauer. Insgesamt aber habe diese Belastung abgenommen, sagte Letzel. Allerdings wird vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen und in der Verwaltung laut Egler bei der Prävention noch zu wenig getan, weil sie als Kostenbelastung gesehen wird.
Öffentliche Verwaltung mit meister Altersteilzeit
Tatsächlich ist es weniger die Industrie, die die Förderung in Anspruch nimmt. Die größte Gruppe der Teilzeitarbeiter stellen mit rund 14.500 von 105.000 die öffentliche Verwaltung und die Sozialversicherungen. Im Kreditgewerbe waren es zuletzt 6734. Berufsgruppen wie der Bergbau zählen dagegen nur ein paar Hundert Altersteilzeitbeschäftigte.
Meist Besserverdienende scheiden vorzeitig aus
Laut Rentenversicherung sind es vor allem Besserverdienende, die vorzeitig ausscheiden. Das ließe sich aus dem derzeit gezahlten Zuschuss pro Beschäftigtem in Altersteilzeit ableiten, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit (BA). So zahlte die BA 2007 im Schnitt jährlich 13.200 Euro Zuschuss. Da dieser rund 20 Prozent des Bruttolohns des Arbeitnehmers ausmacht, ergibt sich ein durchschnittlicher Bruttojahresverdienst von rund 66.000 Euro.
Altersteilzeit auch bei Arbeitgebern beliebter
An Beliebtheit hat die Altersteilzeit bei Arbeitgebern auch gewonnen, seit 2001 der Zugang zur Erwerbsminderungsrente erschwert worden ist. Voraussetzungen für eine volle Erwerbsminderungsrente sind eine Gesundheitsprüfung und der Nachweis, dass der Beschäftigte höchstens drei Stunden täglich arbeiten kann. Zuvor wurde jede dritte Rente wegen Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit gezahlt, so Schätzungen der Rentenversicherer. Seit der Reform sind die jährlichen Neuzugänge um rund 50.000 gesunken.
CSU warnt vor steigenden Kosten in der Arbeitslosenversicherung
CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer warnte vor den Kosten einer längeren Förderung durch die Bundesagentur. Diese betrügen 0,2 Beitragssatzpunkte in der Arbeitslosenversicherung, sagte er. Spielräume für eine Senkung dieses Satzes würden damit "verfrühstückt".