Immer mehr Ältere sind auf Hartz IV angewiesen (Foto: imago)Mitten im deutsche Aufschwung steigt das Armutsrisiko für ältere Menschen. Immer mehr Menschen sind in der letzten Phase ihres Erwerbslebens in einer prekären Lebenssituation. Seit der Einführung des Arbeitslosengeldes II (Hartz IV) im Januar 2005 ist die Zahl der älteren Hilfebedürftigen um mehr als 22 Prozent, und damit fast doppelt so stark gestiegen, wie bei den anderen Altersgruppen.
Das geht aus einer aktuellen Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hervor, auf die ein Bericht des "Tagesspiegel" verweist. "Das ist ein bedrückendes Ergebnis, vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels", sagte Wilhelm Adamy, Leiter der Abteilung Arbeitsmarktpolitik im DGB-Bundesvorstand, dem "Tagesspiegel".
Arbeitslosenstatistik allein ist nicht aussagefähig
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hatte die Lage gerade dieser Altersgruppe zuletzt als überdurchschnittlich positiv bewertet. Tatsächlich meldeten sich im vergangenen Jahr immer weniger der 50- bis 64-Jährigen arbeitslos. Die Arbeitslosenstatistik sei für sich allein aber nicht aussagefähig, sagte Adamy gegenüber dem "Tagesspiegel". Betrachtet man die Entwicklung der Zahlen der Hartz-IV-Empfänger, ergebe sich ein anderes Bild: Von November 2006 bis November 2007 sank die Zahl dieser Hilfeempfänger wegen des Aufschwungs zwar um 3,8 Prozent auf rund 5,1 Millionen. In der Gruppe der 50- bis 64-Jährigen stieg sie im selben Zeitraum aber um 3,3 Prozent auf gut 1,2 Millionen an. Vor diesem Rückgang war im Zeitraum von 2005 bis 2006 ein deutlicher Anstieg der Zahlen verbucht worden.
Deutliche Unterschiede zwischen Ost und West
Im Osten liegt die Quote der Älteren, die auf Hilfe durch Hartz IV angewiesen sind, mit fast 13 Prozent dabei doppelt so hoch wie im Westen. Berlin führt diese Armutsstatistik mit einer Hilfequote von 14,4 Prozent an, dicht gefolgt von Sachsen-Anhalt (14,2 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (13,9 Prozent). Am niedrigsten sei die Hartz-IV-Quote der 50- bis 64-Jährigen in Bayern (4,3 Prozent) und Baden-Württemberg (4,3 Prozent). Doch auch im Westen gibt es Ausnahmen, so liegt Bremen (11,9 Prozent) nahezu gleichauf mit Brandenburg (12,1 Prozent).
Zuschuss bei schlechten Eingliederungsperspektiven
"Das Verarmungsrisiko der Älteren steigt deutlich", so Adamy. Heute sei jeder elfte Erwerbsfähige im Alter zwischen 15 und 64 Jahren auf diese staatliche Fürsorge angewiesen. Seit Oktober 2007 können Hartz IV-Empfänger jedoch unter bestimmten Vorraussetzungen - wie beispielsweise bei besonders schlechten Eingliederungsperspektiven - einen Beschäftigungszuschuss beantragen. Der Zuschuss beträgt dann bei sozialversicherter tariflicher Entlohnung maximal 75% des Arbeitgeber-Bruttolohns und einen Zuschlag von bis zu 200 Euro monatlich je nach Qualifizierung. Der Zuschuss ist allerdings auf höchstens zwei Jahre begrenzt.
Beginn neuer Beschäftigungsverhältnisse ist schwierig
Doch auch wenn neue Beschäftigungsverhältnisse begonnen werden können, sind diese oftmals bei Jüngeren vor allem aber bei Älteren nur von kurzer Dauer. Vielen gelingt es nicht mehr in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Die Chancen die Hilfebedürftigkeit zu überwinden sind für ältere Hartz IV-Empfänger deshalb relativ gering. Nicht selten wechseln sie direkt aus dem Hartz IV-Bezug in die Rente, wie die Studie des DGB ausführt.
Viele der älteren Hartz IV- Empfänger haben jedoch bereits mehrere Jahrzehnte in die Rentenversicherung eingezahlt. Die Hälfte der 50-Jährigen im Westen hat mindestens 27,3 Beitragsjahre erreicht, im Osten sind es sogar 33,9 Jahre. Viele können demnach sogar eine relativ stabile Erwerbsbiografie nachweisen. Mit Zunahme der unsicheren und instabilen Beschäftigungsverhältnisse in den nächsten Jahren, wird es jedoch zukünftig kaum noch möglich sein, existenzsichernde Anwartschaften auf die gesetzliche Rente aufzubauen. Gerade für ältere weibliche Hartz IV-Empfängerinnen wird sich die Lage zukünftig zuspitzen. Sie können infolge geringerer Entlohnung und relativ kurzer durchgehende Erwerbszeiten nicht einmal eine eigene Rente auf Sozialhilfeniveau erwarten.