21.04.2009, 14:37 Uhr | Financial Times Deutschland
Beratungsgespräch zur Altersvorsorge (Foto: Archiv)Die Anbieter von Altersvorsorge-Verträgen tun gern so, als wären sie die Wohlfahrt. Aber die Branche verdient viel Geld mit der Angst vor der Altersarmut. #
Wankelmütigkeit bei der privaten Altersvorsorge kommt Verbraucher teuer. Wer ein Polster für den Ruhestand aufbauen will, sollte nichts überstürzt entscheiden, sondern akribisch und kritisch alle Möglichkeiten von der Riester-Rente bis zur Investition in eine Wohnimmobilie prüfen. "Die Auswahl der Altervorsorge ist eine echte Lebensentscheidung", sagt der Berliner Finanzplaner Ulf Niklas. Entscheiden sich Kunden nach einigen Jahren für etwas anderes, kündigen sie etwa die private Rentenversicherung, müssen sie fast immer mit herben Verlusten rechnen.
Honorarberater und Verbraucherzentralen beraten unabhängig
Niklas gehört zu der noch relativ seltenen Spezis der Honorarberater. Diese Fachleute, von denen es erst wenige Hundert in Deutschland gibt, dürfen Klienten nur beraten. Anders als Versicherungsvertretern und -maklern ist es ihnen nicht erlaubt, Verbrauchern Verträge zu verkaufen. Deshalb müssen Kunden für den Termin beim Honorarberater zahlen. Niklas nimmt rund 110 Euro pro Stunde - und eine ausgiebige Expertise braucht durchaus einige Stunden. Unabhängige Beratung bieten auch Institutionen wie Verbraucherzentralen an.
Hohe Provisionen
Auch den Vermittler müssen Kunden bezahlen. Aber das ist vielen nicht klar, weil sie es indirekt tun. Steckt ein Kunde über 30 Jahre jeden Monat 200 Euro in die Altersvorsorge, bekommt der Vermittler im Schnitt um die 3000 Euro. Ist die Investition des Verbrauchers höher, steigt auch die Provision.
Mehrere Milliarden Euro Ausgaben für Altersvorsorge
Nach einer Studie des Hamburger Analysehauses CapQM gaben Anleger in Deutschland im Jahr 2007 allein für Abschlusskosten von Lebens- und Rentenversicherungen 7,8 Milliarden Euro aus. Andere private Investitionen in den Vermögensausbau sind allerdings auch teuer: Die Ausgabeaufschläge für Aktien-, Renten- und Mischfonds lagen der Studie zufolge bei 3,4 Milliarden Euro, die Verwaltungskosten für diese Anlagen bei 5,8 Milliarden Euro.
Vermittler müssen ab sofort Status offenlegen
Damit Kunden nachvollziehen können, was von ihrem Geld in andere Taschen fließt, hat der Gesetzgeber ihre Informationsrechte gestärkt. Vermittler von Versicherungen müssen gegenüber neuen Kunden ihren Status offenlegen, also sagen, ob sie wirklich Berater, Vertreter oder Makler sind. Vertreter sind im Auftrag und Interesse des Unternehmens tätig, für das sie arbeiten, und müssen Kunden keine verschiedenen Angebote vorlegen. Makler dagegen sind laut Gesetz Sachwalter ihrer Klienten.
Kunden sollten Bescheid wissen
Das Problem: Der Status allein sagt nichts über die tatsächlichen Fähigkeiten und Motive des Experten auf der anderen Seite des Schreibtischs. Nicht alle Vertreter wollen nur viel verkaufen. Aber Kunden sollten ihren Hintergrund kennen und sie darauf ansprechen, wenn sie Interessenkollisionen fürchten. Versicherer sind vor Vertragsabschluss dazu verpflichtet, Kunden schriftlich die kalkulierten Abschluss- und Verwaltungskosten in Euro und Cent mitzuteilen. "Kosten zu vergleichen ist für Kunden sehr schwer", sagt der Honorarberater Detlef Lülsdorf. Denn die Versicherer haben erhebliche Spielräume, was sie einrechnen können und was nicht.
Schärfere Gesetzgebung erwartet
Häufig sind die tatsächlichen Kosten weitaus höher als die ausgewiesenen. Werden etwa bei einer fondsgebundenen Versicherung Gebühren nicht aus der Prämie gezogen, sondern aus dem Fondsvermögen, muss der Anbieter das nicht ausweisen. Beobachter erwarten, dass der Gesetzgeber die Pflichten der Anbieter zur Darstellung der Kosten erheblich verschärfen wird.
Kostendickicht
Ob der Kunde Gebühren sieht oder nicht - zahlen muss er sie auf jeden Fall, sie schmälern seine Rendite. Noch schwieriger ist es, die Kosten verschiedener Anlageformen zu vergleichen. Investmentfonds etwa müssen Preise nur in Prozentangaben ausdrücken.
Magere Rendite trotz kostengünstiges Angebot
Dabei sollten die Kosten nicht das einzige Kriterium für Verbraucher sein, sagt der Versicherungsmakler Hans-Ludger Sandkühler. "Für Kunden ist auch wichtig, wie der Anbieter seine Kapitalanlagen organisiert." Denn ein noch so kostengünstiges Angebot bringt nicht viel, wenn die Rendite mager ausfällt.
Netto-Tarife als Alternative
Zumindest Provisionen müssen Kunden nicht auf jeden Fall zahlen. Bei Direktversicherern, die ohne Geschäftsstellen und Vertreter arbeiten, sparen Kunden oft die Gebühr für den Vermittler. "Mit dem steigenden Kostenbewusstsein der Verbraucher wird der Marktanteil der Direktversicherer in der Altersvorsorge steigen", sagt Marc Lüke vom Direktversicherer Asstel, einer Tochter der Gothaer. Auch bei Direktversicherern bekommen Kunden Antworten auf ihre Fragen zur Altersvorsorge - aber nur per Post, E-Mail oder Telefon.
Eine Alternative sind sogenannte Netto-Tarife. Honorarberater etwa können Kunden auf Versicherer hinweisen, die diese Tarife anbieten. Bei diesen Verträgen fällt keine Vermittlungsgebühr an. Die Assekuranz sieht diese Netto-Tarife nicht gern. Denn solange die Unternehmen Vermittler mit Provisionen bezahlen, haben sie auch eine gewisse Kontrolle über sie.
Wegfall der Vermittlungsgebühr bei Privatiers noch nicht so gefragt
Noch sind Netto-Tarife im Geschäft mit der privaten Altersvorsorge nicht verbreitet, in der Wirtschaft dagegen schon. "Im Großkundengeschäft mit der betrieblichen Altersversorgung sind Netto-Tarife eine feste Größe", sagt Maximilian Zimmerer, Chef des Branchenprimus Allianz Leben und Vorsitzender des Fachaussschusses Lebensversicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. "Bei Privatleuten gibt es noch keine große Nachfrage", sagt er.